"In gleicher Zeit [um 1924] entstanden in den Forschungs-Laboratorien von S. & H. die grundlegenden Arbeiten über den elektro-dynamischen Antrieb von Kolbenmembranen, die heute und wohl immer zum Wissensgut jedes Physikers, der sich mit Akustik beschäftigt, gehören werden.
Die darauf beruhenden Lautsprecher, Blatthaller genannt, sind Jahre hindurch verwendet worden. Ihre ersten Einsätze, die in allen Fachkreisen berechtigtes Aufsehen erregten, erfolgten
1925
bei der Eröffnung des Deutschen Museums in München im Mai 1925,
in der damals neuerbauten Autohalle in Berlin,
bei der Physikertagung in Danzig im Jahre 1925
und dann in ununterbrochener Folge bis ins Jahr 1932 hinein. Sie waren die Instrumente, auf die man sich selbst im Freien bei jedem Wetter verlassen konnte; und nur derjenige, der verantwortlich vor Hunderttausenden von Menschen steht, weiß, was eine zuverlässig arbeitende Anlage wert ist.
In jener Zeit entstand der auch heute noch in der Welt einzig dastehende Gigant-Blatthaller für eine Leistungsaufnahme von 1000 Watt. Interessant sind die Pressestimmen aus damaliger Zeit. Es gab nämlich kaum eine Zeitung im In- und Auslande, die nicht diese technische Großtat gewürdigt hätte. Sogar die lustigen Blätter widmeten ihm eine ganze Titelseite. In 20 Kilometer Umkreis und je nach der Windrichtung weit darüber hinaus war er zu hören. Seine Stimme tönte über den Bodensee von Lindau bis an das jenseitige Ufer nach Rorschach. Seine Stimme war so gewaltig, daß die Polizei einschritt, weil kirchliche Handlungen in der weiteren Umgebung von Berlin gestört wurden. Als damals der Tonstreifen 'Westfront' mit Maschinengewehrgeknatter, Granateinschlägen und Schlachtenlärm durchgegeben wurde, war das Ergebnis im wahrsten Sinne des Wortes erschütternd." [Bratke in: Telefunken-Kamerad 1 1937, 4f.]
In dem 1931 für die Klangfilm GmbH von Fritz Fischer (Zentrallaboratorium
Siemens & Halske) und Hugo Lichte (Forschungs-Institut AEG) herausgegebenen
Buch "Tonfilm. Aufnahme und Wiedergabe nach dem Klangfilm-Verfahren
(System Klangfilm-Tobis)" werden vier für den Einsatz im Kino
geeignete Lautsprechermodelle vorgestellt: der Blatthaller, der Riffellautsprecher,
der Rice-Kellogg-Lautsprecher, der Hornlautsprecher. Für die Beschreibung
des Blatthallers, der seit 1929 auch in der extrem leistungsstarken Variante
als sog. Riesenblatthaller verfügbar ist, zeichnet der seit 1922
im Forschungslaboratorium der Siemenswerke tätige Elektroakustiker
Ferdinand Trendelenburg verantwortlich:
elektrodyn. Großflächen-
lautsprecher
"Der Rieggersche Blatthaller ist ein elektrodynamischer Großflächenlautsprecher,
bei welchem die angreifenden Kräfte praktisch gleichmäßig
über die Membranfläche verteilt sind. Die wiederzugebenden elektrischen
Ströme werden einem Kupferleiter zugeführt. Der Leiter ist unter
Zwischenlage von Isolierstoffen mäanderförmig auf eine Aluminiummembran
aufgenietet […]; der Kupferleiter taucht in das Feld eines kräftigen
Elektromagneten […].
Die schallstrahlende Duraluminmembran besitzt eine Stärke von etwa 1/10 mm. Nach einem Vorschlag von H. Gerdien wird die Membran mit einer Wellung versehen. Die Wellung liegt senkrecht zu der Leiterrichtung, man erhält so eine hervorragend wirksame Versteifung der Membran gegenüber Biegungsbeanspruchungen. An den zu den Leitern parallelen Kanten wird die Membran in Filz oder einem ähnlichen nachgiebigen Material gelagert; an den zu den Leitern senkrechten Kanten ist die Membran fest eingespannt, doch ist dafür gesorgt, daß der über die Leiterenden überstehende Teil der Membranfläche so nachgiebig gegenüber Biegungsbeanspruchungen ist, daß die Eigenschwingung der Membran unterhalb des für die Übertragung wichtigen Frequenzbereiches liegt. Der Blatthaller stellt also ein tiefabgestimmtes System dar. Da nur eine enge Randzone Biegungsschwingungen ausführt, arbeitet das System ähnlich einer Kolbenmembran." [Trendelenburg in: Fischer/Lichte 1931, 171f.]
Ausführungsformen
schmaler Blatthaller
Schmaler Blatthaller ...
1934
Blatthaller versus Konuslautsprecher
"Der größte dynamische Konus-Lautsprecher, der bisher
gebaut worden ist, verträgt eine Sprechleistung von etwa 60 Watt.
Für ganz große Leistungen bis etwa 600 Watt eignet sich der
Blatthaller, die bekannte Sonderkonstruktion eines dynamischen Lautsprechers.
[ ] Man darf den Lautsprecher nicht mit größerer Leistung
beschicken, als er vertragen kann, wohl aber kann man in den meisten
Fällen, abgesehen vom Blatthaller, einen für größere
Leistungen gebauten Lautsprecher auch mit etwas kleineren Leistungen
betreiben [ ]." [Wigge 1934, 27]
Bei dem hier angesprochenen Konuslautsprecher handelt es sich um den
Maximus Titan von Körting (Dr. Dietz & Ritter GmbH),
dies geht aus Abb. 9 in [Wigge 1934, 28] hervor. Aus dieser Abbildung ist auch ersichtlich, daß
dem Maximus Titan zur Erzielung gleichgroßer Schalleistung
eine geringere Sprechleistung zugeführt werden mußte als dem
Blatthaller, daß also Körtings 1934 leistungsstärkster
Konuslautsprecher einen besseren Wirkungsgrad aufwies als die "Sonderkonstruktion"
von Siemens & Halske. Der Blatthaller und zumal der Riesenblatthaller
konnten zwar mit größeren Leistungen beschickt werden, ohne
daß die Lautsprecher zerstört wurden, arbeiteten aber nicht
so effektiv wie die besten Konuslautsprecher der Konkurrenz und verlangten
zudem ein gewisses Mindestmaß an zugeführter Leistung, um überhaupt
zu arbeiten. Gegen Mitte der 1930er Jahre überwogen somit die Nachteile
des berühmten, 10 Jahre lang bei zahlreichen Großveranstaltungen
erfolgreich eingesetzten schwingenden Blattes von Siemens & Halske,
auch auf dem Gebiet des Großlautsprecherbaus konnte sich der auf
Rice und Kellogg zurückgehende dynamische Konuslautsprecher, der
bereits den Rundfunk- bzw. Consumer-Bereich erobert hatte, gegen die Spezialkonstruktion
aus dem Siemens-Forschungslaboratorium durchsetzen.