1.5.1933

 

erster "Tag der nationalen Arbeit" auf dem Tempelhofer Feld

   

Marcel Beyer, "Flughunde"

 

"Ob er sich wohl jemals Gedanken darüber gemacht hat, daß er, der große Redner vor den Massen, von solch unbedeutend wirkenden Helfern wie mir in höchstem Maße abhängig ist? Begreift er, daß die Akustiker einen entscheidenden Beitrag zu seinem Siegeszug geleistet haben? Daß ohne Mikrophone, ohne die riesigen Lautsprecher ihm niemals sein Erfolg beschieden worden wäre? Hat er nicht schon oft über die akustischen Zustände in der Frühzeit der Bewegung ausführlich geklagt? […] Bis man schließlich dazu überging, die Übertragung auf bis zu hundert Lautsprecher zu verteilen, welche das Publikum von allen Seiten in den Klammergriff nehmen. Ob er es für einen bloßen Zufall hält, daß sein Sieg zusammenfällt mit der entscheidenden Verbesserung der akustischen Verhältnisse bei Großveranstaltungen?" [Beyer 1996, 147f.]

  Großübertragungsanlage
         
    [...]  

Kurztrichter

Doppelsprechen

         

Hans Wendt:

 

Nationalsozialistische Schilderung des 1. Mai 1933

   

NS-Feiern

 

"Drei große Feiern fallen in das erste Vierteljahr der deutschen Revolution: der Fackelzug der Nacht vom 30. Januar, als die braunen Kolonnen Adolf Hitlers besitzergreifend in das Regierungsviertel einmarschierten, um dem Reichspräsidenten und dem neuen Reichskanzler zu huldigen; der 21. März, der Tag von Potsdam, der die Arbeiten des Reichstags am Grabe Friedrichs des Großen eröffnete, mit den Ansprachen Hindenburgs und Hitlers beim Staatsakt in der Garnisonkirche und der unbeschreiblichen Begeisterung der Hunderttausende; und der Tag der nationalen Arbeit, die unvergeßliche Millionenheerschau auf dem Tempelhofer Feld im Zeichen des siegreichen Frühlings und der siegreichen Revolution. […]" [Wendt 1933, 1]

 

Fackelzug

Tag von Potsdam

Mai-Feier 1933

Organisation der Mai-Feier

 

"Die Vorbereitungen im einzelnen lagen fast ausschließlich in der Hand des Propagandaministeriums, dessen Leiter, Reichsminister Dr. Goebbels, ja schon früher oft genug Gelegenheit gehabt hat, seine Fähigkeiten zur Mobilisierung des Volkes und zur Veranstaltung von Massenaufmärschen unter Beweis zu stellen. Diesmal waren indessen Aufgaben zu lösen, für die es auf der ganzen Welt, sogar in Sowjet-Rußland, Italien oder Amerika, noch keine Vergleiche gab. Die Technischen Vorarbeiten der Kundgebung auf dem Tempelhofer Feld übernahm zum größten Teil die Stadt Berlin, die das Fest verwaltungsmäßig organisierte. […]" [Wendt 1933, 8f.]

   

Tempelhofer Feld

 

"Sonnabend nachmittag unternimmt Propagandaminister Dr. Goebbels mit Regierungs- und Pressevertretern eine Rundfahrt zum Lustgarten und hinaus zum Tempelhofer Feld, um die letzten Vorbereitungen zu inspizieren. Gewaltige Zurüstungen sind notwendig, die besonders in technischer Hinsicht außerordentliche Anforderungen stellen. Viele Kilometer von Kabel- und Lichtleitungen werden verlegt. Hinzu treten die Hunderte von Lautsprechern, die auch dem entferntesten Hörer – der größte Radius auf dem Tempelhofer Feld beträgt nahezu einen Kilometer – die Worte der Redner und die Klänge der Musik klar und deutlich zutragen sollen. Die Firma Telefunken hat unter einem Zelt, das Apparate im Wert von einer Viertelmillion beherbergt, eine Großlautsprecherzentrale errichtet, die alle früheren derartigen Einrichtungen bei weitem übertrifft. Während Übertragungs- und Lichtproben stattfinden, während Dr. Goebbels mit Offizieren und Beamten die letzten Anordnungen trifft, wird noch eifrig gehämmert. Der Bau der großen Tribüne mit ihren 33 Meter hohen Flaggenmasten erheischt emsige Arbeit. Fahnenmasten umsäumen das ganze Feld. Das Fahnentuch, das für den 1. Mai beschafft werden muß, kostet allein 65000 RM. Markant sind über das Feld verteilte Türme für Lautsprecher und Scheinwerfer, die an die Bohrtürme eines Erdölgebietes erinnern. […]" [Wendt 1933, 12]

 

Telefunken

Scheinwerfertürme

Rundfunk

 

"Der besondere Zweck des 1. Mai, die Arbeitenden zu ehren und enge Fühlung zwischen allen Schichten und Landsmannschaften des deutschen Volkes herzustellen, findet auch im Rundfunk seinen Niederschlag. Aus den geöffneten Fenstern schallen die Märsche und Ansprachen. Bei einem Hörbericht deutscher Arbeiter entwickeln Vertreter aller Gebiete und Industrien am Mikrophon ein Bild von ihren Anschauungen. […]" [Wendt 1933, 22]

   
   

"Am Rundfunk wohnen die Angehörigen der 80 Auserwählten, wohnen viele Millionen von Deutschen der schlichten Szene, die nichts Gestelltes hat, im Geiste bei. Vorher hat der Rundfunk Arbeiter- und Marschlieder der SA., Arbeiterdichtungen und Berichte vom Massenaufmarsch auf dem Tempelhofer Feld übermittelt. Zur gleichen Stunde richtet ein ganzes Volk seine Gedanken auf den gleichen Punkt. Der Nachmittag strahlt. Die Stunde der großen Feier naht. […]

   

Funkbericht aus Zeppelin

 

Zwischen 2 und 3 Uhr nachmittags kreuzt das Luftschiff 'Graf Zeppelin' über der Reichshauptstadt. […] Überall, wo das mächtige Schiff erscheint, branden Begeisterung und Heilrufe zu ihm empor. Ein ausgezeichneter Funkbericht vermittelt allen Hörern am Lautsprecher unmittelbare Eindrücke aus der Luftschiffkabine; er schildert die Eindrücke beim Flug über die deutschen Gaue im Frühlings- und Fahnenschmuck und zeichnet das wahrhaft überwältigende Bild der schwarzen, braunen und grauen Züge, die sich von weither auf das Tempelhofer Feld zu wälzen. […]

   

nachmittags Marschmusik

 

Aus den Lautsprechern ertönen aufmunternde Märsche. Verlorene Kinder, die im Telefunkenzelt gesammelt werden, vermißte Angehörige werden ausgerufen. Viel Heiterkeit erntet eine Dame aus Wien, die unbedingt ihren Mann wiederhaben will. – Der Nachmittag begibt sich zur Neige. Allmählich dunkelt der strahlende Himmel. […]" [Wendt 1933, 25ff.]

 

 

abends Hitler-Rede

      Mikrophone vor Hitler
   

2. Mai 1933, Zerschlagung der Gewerkschaften

   

"Die Aktion vom 2. Mai"

 

"Der Feiertag ist vorüber, die Werktagsarbeit beginnt. Dienstag, den 2. Mai, erfolgt eine große revolutionäre Aktion der NSDAP., die gewissermaßen noch einen Bestandteil der Maifeier bildet: Die Nationalsozialistische Betriebszellen-Organisation übernimmt die Freien Gewerkschaften. Die Gewerkschaftshäuser werden von SA. besetzt, die alten Führer der Verbände verhaftet. Überraschend durchgeführt, geht die Aktion im ganzen Reich reibungslos vonstatten. Ihre Durchführung hat ein Komitee übernommen, an dessen Spitze der bekannte Nationalsozialist Dr. Ley, der neue Präsident des Preußischen Staatsrats, steht." [Wendt 1933, 48]