"Auf dem gesamten Gebiet der Elektroakustik hört man immer und immer wieder das Schlagwort von der 'naturgetreuen Wiedergabe'. Es ist nicht zu leugnen, daß sehr viele Menschen den Unterschied zwischen Originalmusik und solcher, die über eine Verstärkeranlage wiedergegeben wird, gar nicht unterscheiden können, weil ihr Gehör nicht empfindlich oder nicht geschult genug ist. […]
Frequenzbereich
Nun wird sicher jemand behaupten, daß ja doch die meiste elektrisch wiedergegebene Musik von Rundfunksendern geliefert und von Rundfunkempfängern wiedergegeben wird und daß doch infolge des für Europa festliegenden Senderabstandes von 9 Kilohertz eben eine solche Rundfunkwiedergabe nur die Tonfrequenzen bis zu einer Höhe von 4500 Hertz bringen kann und darf. […] Wie Untersuchungen des bekannten Dirigenten des 'Philadelphia Symphony Orchestra', Leopold Stockowski, die unter Mitwirkung von Ingenieuren der 'Bell Telephone Laboratories' durchgeführt wurden, erwiesen haben, braucht man zur einwandfreien Wiedergabe aller Orchesterinstrumente sogar noch mehr als 8000 Hertz und es müssen auch Frequenzen unter 100 Hertz bis etwa 40 Hertz sehr gut wiedergegeben werden können.
Bei allen Empfängern werden die Frequenzen oberhalb 4500 Hertz, ja manchmal sogar schon eher abgeschnitten, weil man sonst nicht nur den einen Sender, sondern deren mehrere empfangen würde. […]
Wer oberflächlich an das Problem herangeht, der wird sagen: wir brauchen eben einen Verstärker, der alle Tonfrequenzen zwischen etwa 40 und 10000 Hertz gleich gut wiedergibt, der also einen 'völlig linearen Frequenzgang' aufweist. Der erfahrene Elektroakustiker weiß aber, daß ja nicht der Verstärker allein maßgebend ist für die Wiedergabegüte, denn der beste Verstärker nutzt nichts, wenn der daran angeschlossene Lautsprecher nicht all das, was er vom Verstärker zugeführt bekommt, auch getreu wiedergibt. Die Lautsprecher weisen durchweg einen gewissen Abfall der abgestrahlten Schallintensität für Frequenzen unter etwa 100 Hertz und über etwa 5000 Hertz auf. Für eine wirklich gute Wiedergabe muß dem Rechnung getragen werden; der Verstärker muß die Tonfrequenzen an den Lautsprecher stärker abgeben, die dort benachteiligt werden. Technisch nennt man das 'Entzerrung', wir können uns hier mit dem verständlicheren 'Korrektur' begnügen. Einen solchen 'korrigierten' Frequenzgang, also die Verstärkung des Gerätes für die verschiedenen Töne, zeigt die Abb. 1. […]
linearer Frequenzgang
korrigierter Frequenzgang
Entzerrung
Körting
Dr. Dietz & Ritter, Pioniere auf dem Gebiet des Verstärkerbaus, bezeichnen den neuen Verstärker, Modell LKEW 18, von dem der in Abb. 1 gezeigte Frequenzgang stammt, als 'Breit-Band-Verstärker' (Abb. 2), weil er eben ein sehr breites Band von Tonfrequenzen zu verstärken in der Lage ist. Der ungeheure Fortschritt, den ein derartiger Verstärker darstellt, wird klar, wenn man sich dagegen die Frequenzkurven der bisher als 'ausgezeichnet' angesehenen Verstärker ansieht. Fast durchweg ist dort ein starker Verstärkungsabfall unterhalb 100 und oberhalb 6000 Hertz festzustellen, so daß also die Untugenden der Lautsprecher noch unterstützt werden. Erst der 'Breit-Band-Verstärker' arbeitet den Lautsprechereigenschaften so entgegen, daß eine hochwertige Wiedergabe entsteht.
Eine weitere, wichtige Eigenschaft des LKEW 18 ist, daß er einen Klirrfaktor von nur 4 Prozent bei voller Aussteuerung aufweist. Bekanntlich wurde bis vor nicht allzu langer Zeit 10 Prozent als die obere Grenze angesehen und erst die Forderung nach 'High Fidelity' sprach von 5 Prozent. […]
Bei der Vorführung des neuen Verstärkers zusammen mit einem »Maximus«-Lautsprecher und den an anderer Stelle zu besprechenden »Hochton-Lautsprechern«, die für gute Wiedergabe auch der höchsten Tonfrequenzen sorgen, konnte man sich überzeugen, daß manche Instrumente, die früher in der großen Masse des Klangs untergingen, jetzt plötzlich klar zu hören waren, daß die Musik an Farbe und Brillanz sehr stark gewonnen hatte. Für den Musikliebhaber ist die neue Lösung genau so von größtem Wert wie für die Uebertragung von Reden, denn es scheint festzustehen, daß die Eindringlichkeit, mit der sich bei einer Rede die Stimme des Redners durchsetzt, mit der sie den Zuhörer in ihren Bann schlägt, davon abhängt, ob nicht nur die 'Sonorität' der Stimme, die von einer wahren Wiedergabe der tiefen Töne abhängig ist, erhalten bleibt, sondern ob auch die charakteristische Schärfe, die in der Stimme liegt und deren Durchkommen eine Funktion der Güte der Verstärkeranlagen im Bereich höherer Töne ist, unverfälscht ans Ohr des Hörers dringt. Eine solche 'scharfe' Stimme, der die hohen Frequenzen erhalten blieben [sic], dringt viel mehr durch als eine 'runde' Stimme, der man künstlich die 'Höhen weggeschnitten' hat, wie auch eine originalgetreue Musik mit allen Höhen, aller Brillanz sich viel mehr in den Vordergrund drängt, viel mehr Aufmerksamkeit heischt, als eine Wiedergabe, der die Brillanz fehlt. Letztere kann man bei geistiger Arbeit als 'Nebengeräusch' gebrauchen, erstere nicht!" [Wigand in: Elektroton 4 1935, 165f.]