Siemens

 

Riesenblatthaller 3 / »Gigant-Blatthaller«

 

Siemens & Halske

1930

 

"Ein Lautsprecher, den man bis zu 20 km weit hört!"

   

»Riesenblatth. 3«

Siemens & Halske Werbeprospekt

 

"Eine solche Lautstärke kann man sich kaum vorstellen. Sie ist Wirklichkeit geworden durch den »Riesenblatthaller 3«. Vieltausendfach verstärkt gibt er Sprache und Musik wieder. Trotz dieser Riesenleistung ist er verhältnismäßig klein.

Der Magnet des »Riesenblatthaller 3« ist außerordentlich stark und – was die Hauptsache ist – er wird mit besonders hohem Wirkungsgrad ausgenutzt. Mit seiner kleinen Polfläche von 200 cm2 (das ist ungefähr 2/3 der Größe dieses Prospektes) könnte er 80 Zentner, also etwa das Gewicht eines Lastautos, tragen; und wenn man sonst gewohnt ist, sich unter einer Membran eine dünne Haut vorzustellen, beim »Riesenblatthaller 3« trifft das nicht mehr zu. Hier besteht die Membran aus 1 1/2 mm starkem gewelltem Aluminiumblech, und ihre Ausschläge betragen bis zu 2 cm. Dadurch entstehen natürlich ganz erhebliche Lufterschütterungen, die es unmöglich machen, beim Betrieb des »Riesenblatthaller 3« in seiner unmittelbaren Nähe zu weilen. Auf die nächste Umgebung zu wirken, ist aber auch nicht seine Aufgabe, er soll vielmehr von einem Dach oder von einem Fesselballon aus seine gewaltige Stimme über ganze Stadtteile hinweg dringen lassen.

Auf der Großen Deutschen Funkausstellung wird der »Riesenblatthaller 3« von der Höhe des Funkturmes herab zu hören sein." [SH 3981]

 

 

         

großangelegte Werbekampagne

 

Mit einer lautstarken Werbeaktion macht die Firma Siemens im Juli und August 1930 auf ihren weiterentwickelten Riesenblatthaller aufmerksam, der der Öffentlichkeit als "Gigant-" oder "Wotan-Lautsprecher" bekannt gemacht werden soll. Reichweitenversuche mit diesem Hochleistungslautsprecher, im Juli vom Dach des Siemens-Forschungslaboratoriums und Ende August dann vom Berliner Funkturm, lassen die Berliner Bevölkerung und die Besucher der 7. "Großen Deutschen Funkausstellung und Phonoschau" aufhorchen. Zudem sorgen die zu einer ersten Vorführung am 8.7.1930 geladenen Pressevertreter für ein deutschlandweites Presse-Echo, dessen Umfang von Siemens & Halskes Literaturabteilung schriftlich auf drei Din-A4-Seiten festgehalten wird [Siemens-Archiv, München]. 2 ½ Seiten davon umfaßt die "Aufstellung über die uns bisher bekanntgewordenen Aufsätze und Notizen über unseren Gigant-(Wotan-)Lautsprecher", in der 80 Tageszeitungen und Zeitschriften aufgelistet werden, zum Beispiel Deutsche Zeitung (9.7.1930), Mülheimer Zeitung (11.7.1930), Das Industrieblatt (Nr. 31 vom 31.7.1930), Der Radio-Händler (Nr. 15 vom 29.7.1930), Lustige Blätter (Nr. 35 vom 31.8.1930). Auf einer halben Seite werden zudem 20 überwiegend Berliner Zeitungen aufgelistet, in denen "Notizen über unseren Gigant-(Wotan)Lautsprecher auf dem Funkturm montiert" erschienen.

 

erzielte Reichweiten 1930

         

Presse-Echo

 

Beispiele:

   
         
   

"Konzert in 1000 Meter Höhe"

"Gestern nachmittag war gleichzeitig in Spandau, Westend, Siemensstadt Musik zu hören, die von einer geheimnisvollen, irgendwo aufgestellten Kapelle ausgeführt wurde, die späterhin von einem Sänger abgelöst wurde. Diese Musik kam durch einen gigantischen Lautsprecher, der auf dem Dach des Siemens-Forschungslaboratoriums aufgestellt war, und dort der Berliner Presse zum erstenmal im Betrieb vorgeführt wurde. Es handelt sich um einen Lautsprecher von ungeheurer Lautstärke, der bis auf 20 Kilometer Entfernung hörbar ist, und trotz der klangreinen Wiedergabe etwa eine Lautstärke erzeugt, die der eines Orchesters von 2000 Mann entspricht. […]

Von der Firma Siemens wird beabsichtigt, einen riesigen Lautsprecher an einen Fesselballon zu befestigen, und aus 1000 Meter Höhe ein Konzert über einen grossen Teil von Berlin verbreiten zu lassen." [Berliner Morgen-Zeitung, Nr. 188, 9.7.1930]

   
         
   

"Konzert über Berlin"

"[…] Welche ungeheuren Leistungen hier in Schall umgewandelt werden, erkennt man am besten daran, dass die Membrane, die sonst bei Lautsprechern Bruchteile eines Millimeters stark ist, hier aus 1,5 Millimeter starkem verstärkten Aluminiumblech hergestellt wurde, damit sie die ungeheure Belastung aushalten kann. Die Membrane führt Schwingungen bis zu einer Grösse von 20 Millimetern aus. Was das bedeutet, erkennt man daran, dass bei den sonst üblichen Lautsprechern die Bewegung der Membrane selbst mit einem Mikroskop knapp sichtbar ist. Diese Schwingbewegungen haben Lufterschütterungen zur Folge, die Entfernung auf 50 Metern noch recht gut bemerkbar sind.

Bei den Physikern, die mit den Vorversuchen an diesem Lautsprecher beschäftigt waren, traten Verdauungsstörungen infolge dieser Erschütterungen auf. […]" [Berliner Tageblatt, Nr. 318, 9.7.1930, Morgen-Ausg.]

   
         
   

"Wettkampf der Lautsprecher. Stimmen aus der Luft"

"[…] Dieser Lautsprecher ist eigens für Reklamezwecke gebaut worden. Man kann ihn mit einem Fesselballon hochziehen und ganze Stadtteile besprechen. Der Straßenlärm, Eisenbahn- und Flugzeuggeräusche werden völlig übertönt. […]" [Deutsche Zeitung, Nr. 158a, 9.7.1930]

   
         
   

"Gespräch aus 4000 Meter Höhe"

"Unsere Groß-Flugzeuge werden demnächst mit einer Riesenlautsprecheranlage ausgerüstet werden, welche eine so große Schallenergie abgeben kann, daß der Klang von Sprache oder Musik 20 Kilometer weit trägt. Der Flugzeugführer kann sich also schon in großer Entfernung vom Flugplatz und aus jeder Höhe direkt mit dem Landungsplatz in Verbindung setzen. – Der Lautsprecher wird mit 120 Amp. Sprechstrom beschickt und seine Aluminium-Membrane macht Ausschläge von 20 Millimeter. […]" [Der Tag, Nr. 162, 9.7.1930]

   
         

1931
Flugzeug-
Beschallung

 

Ein im Januar 1931 unterzeichneter Vertrag zwischen Siemens & Halske und Herbert Spießen, Inhaber der Miechielsen & Spießen OHG Hamburg, belegt übrigens, daß die in der Presse verkündete Absicht, Flugzeuge mit Großlautsprechern auszustatten, tatsächlich ernsthaft in Erwägung gezogen wurde. Vertragsgegenstand ist die leihweise Überlassung einer "Grosslautsprecheranlage […] zum Einbau in das dreimotorige Gross-Flugzeug 'Koolhoven F.K.33'" mit der Option für Spießen, die Anlage nach erfolgreichen Tests für einen noch zu verhandelnden Preis von Siemens zu kaufen (die im Vertrag festgelegte Versicherungssumme für die Anlage beträgt 25000 RM). Der Vertrag gibt allerdings keine eindeutige Auskunft darüber, ob die Beschallung der Flugzeugumgebung oder des -innenraumes beabsichtigt war. [Siemens Archiv, 11320]