"Durch die europäische Radiopresse gehen jetzt Berichte über
eine von Gernsback in die Praxis eingeführte Vorrichtung,
die es gestatten soll, Schwerhörigen, ja selbst Ertaubten Schalleindrücke
zu vermitteln. So berichtet auch der 'Radio-Amateur' im ersten
Heft, Seite 10 dieses Jahrganges, über das Osophon des bekannten
amerikanischen Publizisten.
Da ich mich mit Grenzfragen der Medizin und Elektrizitätswissenschaft
beschäftige und auch schon vor einiger Zeit Versuche gemacht habe,
die in Richtung der Gernsbackschen Gedankengänge liegen, möchte
ich in aller Kürze zu der Erfindung Gernsbacks Stellung nehmen.
Zuvor einige Bemerkungen zur Physiologie des Gehörs.
Eine Gehörsempfindung kann nur dann zustande kommen, wenn das Nervenempfangsorgan,
nämlich die Spiralwindung des Gehörnerven, erregt wird. Wie
für das Auge die Lichtwelle, bildet für das Ohr die Schallwelle
den spezifischen Sinnesreiz. Für gewöhnlich erfolgt die Erregung
des Gehörnerven durch Vermittlung der Luft. Der Kehlkopf als Sender
für Tonschwingungen ist durch die Luft elastisch mit dem Ohr des
Hörers gekoppelt. Nun kann das Endorgan des Hörnerven auch direkt,
d. h. durch Übertragung der Schwingungen auf den knöchernen
Schädel in Erregung versetzt werden.
Für das Hören selbst ist unter normalen Bedingungen die Knochenleitung
ohne Bedeutung. Hingegen spielt sie bei der Prüfung der Hörschärfe
eine Rolle. Wir unterscheiden nämlich zwei Arten von Schwerhörigkeit:
eine auf Verminderung der Schalleitung beruhende und eine weitere, die
im Gehörnerven selbst ihren Sitz hat. Das bekannteste Beispiel einer
Hörstörung der ersten Art ist der Mittelohrkatarrh und die Mittelohreiterung.
Die nervöse Schwerhörigkeit äußert sich vielfach
in subjektiven Gehörgeräuschen, Sausen und Summen, ist ärztlicher
Einwirkung schwer zugänglich und führt in einer Anzahl von Fällen
zur völligen Ertaubung. Als ein typisches Beispiel nervöser
Schwerhörigkeit möchte ich das Gehörleiden Beethovens anführen.
Welcher Art die Hörstörung ist, kann in vielen Fällen durch
eine einfache Stimmgabelprüfung, den Rinneschen Versuch, erkannt
werden. Beim Gesunden überwiegt die Luftleitung in allen Fällen
die Knochenleitung. Mit anderen Worten, eine vor das Ohr gehaltene angeschlagene
Stimmgabel wird dann noch gehört, wenn sie auf die Umgebung des Ohres
gesetzt, keine Hörempfindung mehr auslöst. Es ist verständlich,
daß bei Erkrankungen des Schalleitungsweges, so bei Mittelohrentzündung,
der Rinnesche Versuch negativ ausfällt, das heißt, die
Stimmgabel vom Knochen besser gehört wird als durch die Luft. Das
Gegenteil ist bei nervöser Schwerhörigkeit der Fall. Hier ist
die Gehörsempfindung vom Knochen aus gegenüber der Luftleitung
vermindert.
Hieraus ergibt sich, daß für die an nervöser Schwerhörigkeit
Leidenden - es ist dies eine große Zahl der Schwerhörigen
überhaupt - eine Vermittlung der Schalleindrücke durch
den Knochen nicht in Frage kommen kann. Wie steht es nun mit der Idee Gernsbacks, die auf den ersten Blick etwas Bestechendes hat und
konstruktiv solide und gut durchgebildet ist. Daß die Zähne
als freiliegende Teile des Knochenskeletts für die Übermittlung
von Schalleindrücken geeignet sind, ist eine physiologisch bekannte
Tatsache. Man kann nicht einmal sagen, daß sie neu ist, weiß doch bereits Cardanus im Jahre 1560 von ihr zu berichten.
[…] Immerhin sind a priori die Voraussetzungen gegeben, bei Schwerhörigen,
deren Hörstörung auf verminderter Schalleitung beruht, durch
Ausnutzung der erhaltenen Knochenleitung die Hörfähigkeit zu
verbessern. Doch wird man selbst mit den erwähnten Einschränkungen
seine Erwartungen nicht allzu hoch spannen dürfen. Es zeigt sich
nämlich, daß in vielen Fällen von länger bestehender
Schwerhörigkeit, auch wenn sie zunächst ihren Sitz im Mittelohr
hat, doch der Hörnerv nicht allzu selten in Mitleidenschaft gezogen
wird. So engt sich der Kreis der Anwärter, denen das Gernsbacksche
Modell nützlich sein soll, weiter ein. Ganz allgemein läßt
sich sagen, daß man bei Berichten über Hörverbesserung
durch Apparate eine gesunde Skepsis walten lassen muß, indem fast
immer die Erfolge weit hinter den Erwartungen zurückbleiben.
In dieser Hinsicht kann ich den Optimismus von E. Nesper nicht
teilen. Ich möchte vielmehr annehmen, daß in der Schwerhörigkeitsbekämpfung
das Osophon, von Spezialfällen abgesehen, ebensowenig eine Rolle
spielen wird als die Apparatur eines amerikanischen Ingenieurs Hanson,
der neuerdings die Schwerhörigkeit mit den Methoden der Radiotelephone
bekämpfen will(1).
[…]"
(1) Jacobsohn,
Drahtlose Telegraphie und Schwerhörigkeit. Klinische Wochenschrift
Nr. 4. 1924.
[Jacobsohn in: Radio-Amateur 2 1924, 53f.]